Montag, 7. August 2017

Couchsurfing in Russsland

Autor: Stephan Orth
Verlag: Malik
Seiten: 250


"10 Wochen
24 Gastgeber
Gesamt: 21.583 km
Flugzeug: 11.416 km
Bus + Auto: 6.229 km
Zug: 3.898 km
Pferd: 40 km"


Stephan Orth ist Journalist und reist seit 2004 als Couchsurfer durch die Welt. 
Auf couchsurfing.com kann man Menschen in aller Welt für ein paar Tage sein Sofa als Unterkunft anbieten. So lernt man wirklich die Menschen und die Kultur des jeweiligen Landes kennen. 

"Über kein Land der Erde ist die Informationslage derzeit verwirrender. Für mich heißt das: Es gibt kein Reiseziel, dessen Besuch gerade jetzt dringlicher erscheint." 

Er macht sich auf, von Moskau runter nach Tschetschenien im Kaukasus, weiter nach Wolograd, dem früherem Stalingrad. Er fliegt auf die Krim, nach St. Petersburg und von da weiter nach Jekaterinburg im Ural. Die Stadt Jelzins liegt mehr als 1400 km östlich von Moskau. Geographisch gesehen endet Europa 40 km vor Jekaterinburg. 
Es geht mit Auto und Bahn weiter Richtung Osten. In Scharowsk lebt der wiedergeborene Jesus. Das behauptet jedenfalls der Sektenführer der Sonnenstadt.

"In Tibet umrunden Pilger 108-mal den Kailash, in Japan läuft man auf der Insel Shikoku zu 88 Tempeln, In Europa stapft man mit der Jakobsmuschel am Rucksack nach Santiago de Comostela. 
In Sibirien nehme ich den Zug 097C bis Krasnojarsk (neun Stunden, 42 Minuten), anschließend Bus 210 nach Tscheremschanka (zwei Stunden). Von dort sind es noch zwanzig Kilometer mit dem Auto nach Scharowsk, wo mein nächster Gastgeber wohnt. Von ihm aus will ich die fehlenden neunzehn Kilometer zur "Sonnenstadt" zu Fuß zurücklegen. Hat ja niemand behauptet, der Weg der Erleuchtung sei einfach."

Vorbei am Balkansee, hoch nach Jakutsk, wo Putin jedem 1 Hektar Land schenkt, wenn er es nachweißlich bewirtschaftet. 
In Mirny, wo Diamanten gefördert werden, gibt es einen gigantischen Krater, den die Einheimischen selbst den Spitznamen "Das Arschloch der Welt" gegeben haben. 
Seine Reise endet in Wladiwostok, Nahe China und Nordkorea.


Wie auch schon mit seinem ersten Buch "Couchsurfing im Iran" erzählt Stephan Orth kurzweilig von Land und Leuten. Er nimmt uns mit in ein Land, das wir nicht verstehen und wo wir auch unsere eigenen Presse nicht mehr trauen können, dass sie auch objektiv schreibt.
Er fragt nach, warum 56 % der Russen den Untergang der UdSSR bedauern und warum Putin so beliebt ist. Er lässt sich erzählen, warum die Krimtataren im Referendum für Russland gestimmt haben und will wissen, was für Vor- und Nachteile es nun hat.

"Viele Russen verstehen nicht, warum die Krim-Übernahme international für so viel Aufregung sorgte. Schließlich habe es doch ein Referendum gegeben, bei dem die Mehrheit für einen Anschluss an Russland war. Tatsächlich kamen in deutschen Medienberichten manche Details zu kurz, zum Beispiel die Ängste, die nach der Absetzung des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch im Februar 2014 aufkamen. Als die Majadan-Protestierenden ihren Erfolg feierten, befürchteten viele, dass dies der Anfang einer extrem antirussischen Politik sei."

Ein Russe ist nicht gleich ein Russe, erfahre ich. Da gibt es die slawisch-aussehenden Russen, die Tschechenen, die unter Moskau echt gelitten haben und jene, die weit im Osten leben. Da hat man es mancherorts nicht so gerne, wenn eine russische Frau zu sehr asiatisch aussieht.
Natürlich ist nichts schwarz oder weiß, schon gar nicht in dem riesigen Russland.
Vorurteile gibt es hier wie dort. Aber Stephan Orth schafft es, mich über meinen Tellerrand hinaus blicken zu lassen und so manches verstehe ich nun besser. Auch werde ich wieder erinnert, dass man die Geschichte eines Landes nicht vergessen darf, um das Land verstehen zu können.

Ein Zitat noch, was ich ganz witzig fand und welches deutlich macht, wie unterschiedlich die Denkweisen sind.
Ein Gastgeber erzählt: "Aber eine Sache war lustig: Die Eltern der Deutschen hatten panische Angst, als sie ihnen mitteilte, dass sie nach Russland reisen will. Die Leute haben echt komische Vorstellungen, weil sie Russland nur aus dem Fernsehen kennen."
"Manche Russen haben auch komische Vorstellungen von Europa, weil sie es nur aus dem Fernsehen kennen", sage ich.
"Mal ehrlich, wenn du die Wahl hättest, von wem sollte Europa lieber erobert werden, von Russland oder von den radikalen Muslimen?"
"Ich würde es vorziehen, überhaupt nicht erobert zu werden."
"In Russland leben ganz verschiedene Menschen und Kulturen zusammen, man respektiert sich. Es gibt keinen Grund, vor solch einem Land Angst zu haben."
"Wie weit sind denn die Europa-Eroberungspläne?"
"Ach Quatsch, war doch nur so ein Gedanke."

Ein sehr interessantes Buch, das ich jedem empfehlen kann, der Russland besser verstehen will.
4 ♥ ♥ ♥ ♥

Kommentare:

  1. Hey Lilly,

    hui, das klingt wirklich interessant. Ich mag ja Bücher, mit denen man doch irgendwie reist und vor allem einen Blick über den Tellerrand bekommt. :) Und Russland ist auch so ein Land, wo ich schon Respekt vor habe, alleine schon, weil eben eine andere Schrift da ist.

    Danke für die Rezension!

    Alles Liebe,
    Anna

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    1. Hallo Anna,

      danke für Deinen lieben Kommentar. Ich lese auch total gerne solche Bücher.
      Sein erstes Buch "Couchsurfing im Iran" war auch sehr spannend. Also das hier finde ich nochmal eine Nummer besser, aber im Iran war es auch so spannend, weil Couchsurfing dort eigentlich verboten ist.

      Liebe Grüße
      Lilly

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  2. Danke schön für diesen tollen Beitrag =)
    Ich habe mir das Buch direkt mal vermerkt, da es sehr interessant für mich klang ;)
    wünsche dir ein tolles Wochenende,
    liebe Grüße,
    Alju

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    1. Hallo Aljus,

      lieben Dank für Dein Kommi.
      Ja, es ist wirklich spannend, auch mal die andere Seite von Russland mitzubekommen. Ich beschäftige mich in der letzten Zeit ein bisschen öfter damit und merke, dass unsere Presse da doch sehr subjektiv berichtet.
      Man muss ja trotzdem nicht gut finden, was Putin macht, aber verstehen möchte ich es schon.

      Liebe Grüße
      Lilly

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  3. Hi Lilly!

    Solche Reiseberichte lese ich zwar nicht. Ist eigentlich schade, denn man lernt das Land oder die Länder wirklich mal "aus der Nähe" kennen und vor allem aus verschiedenen Perspektiven, denn der Autor ist ja extrem viel rumgekommen :) Gerade wenn man direkt mit den Leuten wohnt und spricht kommt man dem Land auch viel näher als in einem Hotel oder Touristenzentrum.

    Eine schöne Rezi ♥

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hallo Aleshanee,

      oh, ich lese total gerne Reiseberichte. Für mich ist das wirklich ein bisschen wie Reisen.
      Außerdem finde ich es immer total spannend, welche Unterschiede verschiedene Kulturen (und auch Sub-Kulturen)im Verhalten zeigen.
      Das macht einen darauf aufmerksam, dass (fast) alles nur angelernt ist.

      Danke. Ich freu mich, dass Dir meine Rezi gefällt!

      Liebe Grüße
      Lilly

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Ich freue mich total, wenn Ihr mir ein Kommi da lasst und mir sagt, was Ihr über den Beitrag denkt. ♥ Ich antworte entweder hier oder bei Euch.
Liebste Grüße
Lilly