Sonntag, 19. März 2017

Eierlikörtage

Autor: Hendrik Groen (Pseudonym für Peter de Smet)
Übersetzerin: Wibke Kuhn
Verlag: Piper
Seiten: 414

Hendrik Groen mag alt sein (83 1/4 um genau zu sein), aber er ist noch lange nicht tot. Zugegeben, seine täglichen Spaziergänge werden kürzer, weil die Beine nicht mehr recht wollen, und er muss regelmäßig zum Arzt. Aber deshalb nur noch Kaffee trinken, die Geranien anstarren und auf das Ende warten? Kommt nicht in Frage. Ganz im Gegenteil. 83,25 Jahre lang hat Hendrik immer nur Ja und Amen gesagt. Doch in diesem Jahr wird er ein Tagebuch führen und darin endlich alles rauslassen. Das ist richtig lustig und zugleich so herzzerreißend, dass wir Hendrik am Ende dieses Jahres nicht mehr aus unserem Leben lassen wollen. 


Das Buch wird damit beworben, dass es lustig sei. Man muss sich nur mal die ganzen Pressestimmen auf amazon durchlesen. Ich finde, auch das Cover und der Titel  vermitteln dies. Aber wenn es eines nicht ist, dann lustig. Klar gibt es lustige Situationen, aber in erster Linie ist das Buch doch sehr ernst. 
Hendrik Groen lebt im Altenheim und erzählt von dem eintönigem Alltag, den jammernden Mitbewohnern und der Direktorin, die in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen im Sinn hat. 
Doch einen Freund hat er und als eine neue Bewohnerin einzieht, entwickelt sich eine Clique. Der "Alt-aber-nicht-tot-Club". 8 Leute, die alle Reih um einen Ausflug organisieren, der alle zwei Wochen statt findet. Das wird nicht nur von der Heimleitung kritisch beäugt. ("Sind Ihnen unsere Ausflüge nicht gut genug?!", "Schmeckt Ihnen mein Essen nicht, dass Sie sich für heute Abend abgemeldet haben?") Es gibt auch unter den Mitbewohnern genug Neider, die mit gehässigen Sprüchen nicht sparen. 
Aber nicht nur damit ist Hendrik gefordert. Nein, die Clique wird von verschiedenen Alterserkrankungen heimgesucht und sie versuchen, so gut es eben für jeden Einzelnen geht, für einander da zu sein und sich zu helfen. 
Hendrik selbst erkundigt sich, wie das mit der Sterbebegleitung funktioniert, für den Fall der Fälle und muss feststellen, dass es nicht so einfach ist, wie er dachte.


Ich tat mich erstmal ganz schön schwer, weil ich eben ein lustiges Buch erwartet habe. Und bis sich die Gruppe gegründet hat, fand ich es phasenweise ziemlich langatmig. Der ganze Trübsal eines staatlichen Altenheims.
Gegen Ende hin hat es dann aber doch an Fahrt zugelegt und ich war sehr berührt von all den Erlebnissen, Einschränkungen und Krankheiten, von all der Sorge die man im Alter hat.
ZB die immer wieder kehrende Frage, ob er in einem halben, in einem Jahr noch lebt. Kann er eine Reise buchen, wenn er nicht weiß, ob er in drei Monaten vielleicht schon tot ist? 
Man fragt sich zwangsläufig, wie es einem selbst im Alter ergehen wird.

Von mir bekommt das Buch 4 ♥ ♥ ♥ ♥.

Kommentare:

  1. ach je, ich bin Beschäfigungstherapeutin in einem großen Seniorenheim. Ich kann das ganze Genörgel an Altenheimen nicht nachvollziehen. So wie ich es sehe, geht es den Leuten dort gut. Allein zuhause muß für alte Menschen schrecklich sein, die meisten alten Menschen verlieren ihre Mobilität, da läuft es dann auch nichht mehr mit dem gegenseitigen besuchen. Leider ist es so, daß sich ein sehr großer Teil der Bevölkerung schlicht und einfach das Leben in einer Altenwohnanlage überhaupt nicht erlauben kann. Schade, schön wäre mal ein positives Buch über das Altwerden.
    Liebe Grüße
    susa

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  2. Hallo Susa,

    nun endlich die Antwort. Arbeitest Du denn in einem städtischen Altenheim oder in einem, wo man zuzahlen muss? Ich kann mir vorstellen, dass es da schon Unterschiede gibt, oder?
    Trotz dem, was er an Negativem erzählt, finde ich das Buch unter dem Strich schon positiv. Tut mir leid, wenn ich es nicht so rüber gebracht habe. Ich sehe die Botschaft darin, dass man (in jedem Alter) selbst entscheidet, wie es einem geht. Ob man nur da sitzt und jammert oder eben was aus seinem Leben macht. Das kann man ja immer, egal wie die Umstände sind. Und die Clique nimmt ihr Leben einfach in die Hand und unterstützt sich total. Ich fand das schon schön zu sehen, wie man Freundschaften auch in dem Alter pflegen und aufbauen kann.
    Liebe Grüße
    Lilly

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Lilly