Mittwoch, 18. Januar 2017

Rezension "Der Alpdruck"

Autor: Hans Fallada
Verlag: Aufbau-Verlag
Seiten: 285
Erstausgabe Berlin 1947


Über den Autor:
Er wurde 1893 in Greifswald geboren und starb 1947 in Berlin. Er schrieb viele Romane und auch Kinderliteratur. Mit dem 1932 veröffentlichten Roman "Kleiner Mann -was nun?" wurde er weltberühmt. Viele seiner Bücher sind verfilmt.
Im zweiten Weltkrieg lebte er als unerwünschter Autor in einem Dorf in Mecklenburg. Seine Bücher standen in der Nazizeit zum Teil auf der schwarzen Liste (zB "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt") oder wurden stark zensiert ("Kleiner Mann - was nun?")
Fallada war morphium- und alkoholabhängig, war oft in Kliniken. Im Streit mit seiner geschiedenen Frau schoß er in den Tisch und wurde wegen versuchten Todschlag angeklagt, kam aber nach dem Maßregelvollzug in die Heilanstalt.
1945 zog er mit seiner neuen Frau zurück nach Berlin. Seine neue Frau war ebenfalls suchtkrank.

Inhalt:
Der Protagonist Dr. Doll lebt mit seiner wesentlich jüngeren Frau, deren Kind und einer fast bewegungslosen Großmutter auf dem Land in Brandenburg. Hier erlebt er er den Zusammenbruch des Naziregimes. Während die meisten aus dem Dorf Richtung Westen flüchten, weil sie Angst vor den Russen haben, freut Herr Doll sich auf die Befreier. Doch er hatte nicht geahnt, dass die Russen keinen Unterschied ziehen zwischen Nazi und Nazigegner. Für die Russen ist er einfach "ein Deutscher". Als er das begreift, nagt die Schuld, die die Deutschen und somit auch er auf sich geladen haben, sehr an ihm.
Er erzählt, wie unbeliebt er in dem Dorf war, was natürlich auch nicht besser wurde, nachdem die Russen ihn als neuen Bürgermeister einsetzen. Erst dachte er, nun kann er sich an all den Nazis rächen, doch bald stellt er fest, dass diese kleinen Kämpfe mit den Bewohnern des Dorfes ihn nur noch ermüden und er keinen Hass mehr empfindet.
Nach einem Zwischenfall mit einem "ehem" Nazi bekommt er einen Zusammenbruch und landet im Krankenhaus. Seine kranke Frau gleich mit.
Nach zwei Monaten fahren sie vom Krankenhaus aus direkt nach Berlin und versuchen sich dort ein neues Leben aufzubauen, was in Folge der "Nachkriegswehen" alles andere als einfach ist.

Vorwort:
Im Vorwort schreibt Hans Fallada, dass er keineswegs mit dem Buch zufrieden sei. Neben all dem Schlimmen, den Depressionen, der Mutlosigkeit, neben all dem, was das Ende des Krieges jeden Deutschen gebracht hat, dachte er, seien auch Aufschwünge zu schildern. Dies war ihm nicht möglich. Dass ihm das nicht gelungen ist, liegt nicht allein an der Art des Verfassers, die Dinge zu sehen. Es liegt vorallem (so der Herausgeber) an der Gesammtlage des Deutschen Volkes, dass eineinviertel Jahre nach Kriegsende immer noch düster war.
Wenn der Roman trotz des Mangels den Lesern übergeben wird, dann deshalb, weil es ein möglichst wahheitsgetreuer Bericht dessen ist, wie es den Deutschen nach dem Krieg ging, wie sie gelitten und gefühlt haben, was sie taten.
Vielleicht, heißt es weiter, wird man schon nach kurzer Zeit die Lähmung nicht mehr begreifen, die das erste Jahr nach dem Krieg so verhängnisvoll über den Deutschen hing. Es handelt sich hier um einen Krankheitsbericht, nicht um ein Kunstwerk, denn auch Fallada konnte nicht aus seiner Haut, auch er war wie alle anderen gelähmt.
Es wird auch betont, dass dies ein Roman ist, dass nichts ganz genau so passiert ist und das keine Person in dem Buch ganz genau so real existiert.

Meine Meinung:
Als erstes denke ich, dass das Vorwort wichtig ist und man es bei der Bewertung des Buches keinesfalls außer acht lassen darf. Es ist eben kein normaler Roman, sondern ein wichtiges Zeitzeugnis und in diese Zeit war Fallada genauso involviert wie alle anderen.
Das Buch holpert manchmal. Ich schrieb oben, daheim im Dorf gab es noch ein Kind (das Alter wurde nicht genannt) und eine Großmutter, die sich alleine kaum bewegen konnte. Aber Dr. Doll und seine Frau verschwinden 2 Monate in die Klinik und danach auf direkten Weg nach Berlin. Was die beiden wohl nun alleine machten, in einem Dorf, dass die Dolls nicht leiden kann? Auch am Ende des Buches gibt es einige Unklarheiten.
Doch all das fand ich, wegen des Vorwortes, nicht weiter schlimm. Im Gegenteil. Dadurch war mir Fallada in seiner damaligen Situation noch viel näher.
Noch nie bin ich der Nachkriegszeit so nah gekommen, wie mit diesem Buch. Es ist bedrückend, aber ohne zu erdrücken. Wie sehr doch wirklich jeder auf sich alleine gestellt war, da kommt man beim Lesen kaum aus der Dankbarkeit raus, dass heute alles so anders ist.
Neben den ganz substanziellen Problemen (Wo schlaf ich?, Wo wärme ich mich?, Wo bekommen ich einen Mantel her? Wo was zu Essen?), betrückt Dr. Doll auch die moralische Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben.

Am Ende des Buches gibt es noch eine Tabelle der biographischen Daten von Hans Fallada. Da kann man dann doch auf den Gedanken kommen, dass das Buch nicht nur ein bisschen authobiographisch ist. Doch wir waren nicht dabei und daher denke ich, sollten wir den Satz aus dem Vorwort glauben, dass es sich hier um einen Roman handelt.
Ich finde das Buch sehr empfehlenswert. Nicht als großartiges literarisches Werk, sondern als herausragendes Zeitzeugnis.
Von mir gibt es 4 💖💖💖💖

Kommentare:

  1. Als Fallada dieses Buch schrieb, befand er sich teilweise in Heil- und Krankenhäusern. Während dieser Zeit beschäftigte er sich auch schon stark mit Gestapo-Akten, um gleich im Anschluss "Jeder stirbt für sich allein" zu schreiben.

    Schön, von Fallada hier zu lesen. Er ist mittlerweile mein Lieblingsschriftsteller.

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    1. Hallo Anne,

      Jeder stirbt für sich alleine, habe ich noch nicht gelesen.
      Ich habe vor einem Monat "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" in einer Leserunde gelesen. Aber ich muss sagen, das fand ich doch recht schwer zu lesen. Am besten hat mir bisher Kleiner Mann-was nun? in der unzensierten Form gefallen.

      Ja, für mich hat sich Fallada auch zu einem meiner Lieblingsautoren entwickelt. Es freut mich, dass es Dir auch so geht.
      Liebe Grüße
      Lilly

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